Es ist eine merkwürdige Doppelrealität, mit der der ukrainische Meister Schachtar Donezk, der schon im Frühjahr 2014 seine Heimat im Osten der Ukraine auf Dauer verlassen musste, immer stärker konfrontiert wird. In dieser Saison spielt Schachtar wieder in der Hauptrunde der Champions League – und das unter den gegebenen Umständen recht erfolgreich, obwohl Donezk die letzten beiden Spiele gegen Inter Mailand und am Dienstag gegen Sporting Lissabon trotz guter Leistung jeweils denkbar knapp mit 0:1 verloren hat. In dieser Saison trägt Schachtar seine Heimspiele in der Königsklasse an der Stamford Bridge in London aus. Nachdem Donezk in der letzten Saison schon das Halbfinale der Conference League erreicht hatte, erregt Schachtar nicht nur wegen des Krieges in der Heimat wieder verstärkt internationale Aufmerksamkeit. Für die kommende Länderspielpause wurden etwa zwei Donezk-Spieler in die brasilianische Nationalmannschaft berufen.
Wenn an diesem Sonntag aber in der ukrainischen Premjer-Liha der lokale Klassiker gegen den aktuell kriselnden Erzrivalen Dynamo Kiew angepfiffen wird, kehrt Schachtar vom Londoner Glanz in den traurigen Kriegsalltag zu Hause zurück. Sportlich hätte es für die Mannschaft des türkischen Ex-Barca-Spielers Arda Turan bislang kaum besser laufen. In der Liga liegt Donezk wie fast schon gewohnt kaum ernsthaft angefochten auf Platz eins. In der vorigen Pokalrunde konnte Schachtar ausgerechnet Dynamo mit 3:0 schlagen. Doch obwohl das Spiel gegen Kiew im westukrainischen Lwiw ausgetragen wird, um die Reisewege nach internationalen Spielen zu verkleinern – der Luftraum über der Ukraine ist seit dem russischen Überfall vom 24. Februar 2022 unverändert gesperrt –, teilt Schachtar seit Jahren die Hauptstadt mit rund drei Millionen Einwohnern mit seinem historischen Hauptgegner als temporärer, aber langfristiger Stationierungsort.
Ständiger Beschuss in Kiew
Das gilt bei weitem nicht nur für Schachtar. Die ukrainische Premjer-Liha wird zwar weiterhin auch recht nah an der eigentlichen Front des russisch-ukrainischen Krieges gespielt. Krywyj Rih, die Geburtstadt des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, deren Verein Krywbas die Heimspiele weiterhin zu Hause spielt, liegt aktuell etwa 55 Kilometer von den aktiven Kampfhandlungen entfernt. Gut die Hälfte der Mannschaften, die entweder wie Schachtar aus dem besetzten Gebiet selbst stammen oder zu nah an der Front oder an der russischen Grenze beheimatet sind, tragen die Spiele in Kiew oder in der Region um die Hauptstadt aus. Der ständige Beschuss von Kiew ist für sie zwar per se kein Novum. Schließlich ist die Hauptstadt seit Kriegsbeginn das primäre Ziel für die Luftangriffe im ukrainischen Hinterland.
Seit Ende Mai wird Kiew jedoch nicht nur im Schnitt jeden dritten Tag mit ballistischen Raketen angegriffen, die die Stadt binnen weniger Minuten erreichen und aufgrund des weltweiten Defizits an Flubabwehrraketen für überteure spezialisierte Systeme kaum bis gar nicht abgefangen werden können. Solche Angriffe passieren zumindest mehrheitlich in der Nacht, obwohl "spontaner" ballistischer Beschuss tagsüber ebenfalls keine Seltenheit mehr ist. Seit Ende des Sommers wird die Hauptstadt zudem tagelang mit neuartigen russischen Jet-Drohnen beschossen, die inzwischen bis zu 650 Kilometer pro Stunde fliegen können. Sie werden unter anderem explizit dafür eingesetzt, die Hauptstadt logistisch lahmzulegen.
Es wird nur noch schlimmer werden
Neben den direkten Folgen dieser Angriffe wirkt diese Taktik tatsächlich. An einem Tag Ende September haben die Luftalarme zusammengerechnet mehr als 18 Stunden gedauert – der bisherige Rekord für Kiew. Und obwohl die Ukraine immer besser im Abfangen dieser "reaktiven Drohnen", wie sie umgangssprachlich benannt werden, wird, sind zehn Stunden Luftalarm pro Tag zum Normalzustand geworden. Für die ukrainische Fußball-Liga sowie für andere Sportveranstaltungen heißt das: Sie müssen immer wieder unterbrochen werden. Es gibt kontinuierlich mehr Spielunterbrechungen und Verlegungen – um an Rande der allgemeinen Eskalation des Luftkrieges ist es nicht abzusehen, dass sich die Lage in absehbarer Zeit verbessern könnte. Es ist eher umgekehrt: Man geht recht sicher davon aus, dass es nur noch schlimmer wird.
Als sich die Ukraine Ende Sommer 2022 dafür entschied, den Ligabetrieb nach der Unterbrechung durch die russische Invasion zu Hause wieder aufzunehmen, waren die grundsätzlichen Risiken den Beteiligten bewusst. Eine ukrainische Liga im Exil, die irgendwo in Polen oder in einem anderen osteuropäischen Land spielt, wollte man aus drei Gründen nicht haben. Es ging einerseits um ein politisches Signal nach außen: In der Ukraine geht es nicht nur um Tränen und Tragödien, sondern auch um alltägliche Dinge wie den Fußball – trotz des Krieges. Deswegen hatte das Projekt die volle politische Unterstützung der Staatsspitze. Ein ähnliches Signal wollte man auch nach innen senden – und den Menschen eine Ablenkung vom depressiven Kriegsalltag bieten. Dem Verband und der Liga ging es zudem explizit darum, überhaupt so viele Vereine wie möglich am Leben zu erhalten, weil jenseits der ohnehin schwierigen Wirtschaftslage kaum jemand das Interesse daran haben dürfte, einen Fußballklub zu betreiben, der nicht mal in der Ukraine spielen kann.
"Probleme sind bestens bekannt"
Daher ging es bis jetzt mit Unterbrechungen während der Luftalarme, nötigen Verlegungen auf den anderen Tag sowie irgendwann sogar wieder mit Zuschauern weiter, die sicherheitsbedingt rund ein Viertel der Stadionkapazität ausfüllen durften. In der Spielzeit 2025/2026 wurden letztlich von insgesamt 214 Partien 20 gar nicht erst begonnen, 21 Spiele wurden nach dem Anpfiff zwischenzeitlich unterbrochen – das ging also noch. In der neuen Saison sieht es mit veränderter Sicherheitslage allerdings bereits kritisch aus. Am vorigen Samstag konnte etwa kein einziges Spiel rechtzeitig begonnen werden. Drei Spiele des vergangenen 11. Spieltages wurden noch nicht zu Ende gespielt. Gleiches gilt für sechs weitere Spiele aus den vorigen zehn Spieltagen, für die eine Lücke im Kalender gefunden werden muss.
"Die ukrainische Liga ist voll auf Improvisieren angewiesen – und das ist für den Moment vielleicht sogar gut so", kommentiert Oleh Schtscherbakow, Chefredakteur des führenden ukrainischen Sportmediums "Tribuna", der sich auf sportpolitische Themen konzentriert. "Die Probleme sind allen bestens bekannt. Nur existiert dafür keine Lösung." Deswegen sei man auf eine Art manuellen Betriebsmodus angewiesen. Dazu gehört unter anderem, dass möglichst viele Spiele bereits im frühen Fernsehslot um 13 Uhr Ortszeit beginnen, um so viel Luft nach hinten zu haben, wie es nur geht. Dabei wird bei der Bestimmung der Anstoßzeiten die bisherige Beschussstatistik besonders beachtet – welche Region um welche Uhrzeiten besonders häufig angegriffen wird. "Wir sind in erster Linie verpflichtet, für die Sicherheit zu sorgen. Wenn wir sehen, dass 13 Uhr die sicherste Anstoßzeit ist, haben wir keine andere Wahl", betont Ligapräsident Jewhen Dykyj. Das sei zwar für Fernsehzuschauer unangenehm, wenn gleich mehrere Spiele allesamt um 13 Uhr gespielt werden, am Ende jedoch alternativlos.
Fußball unter Luftalarm
Darüber hinaus wird über Milderung der bisherigen Sicherheitsvorkehrungen beraten, was teilweise in der Basketball-Liga getestet wird. Aufgrund der Häufigkeit der Drohnenangriffe wurden die Luftalarme in sogenannte "gelbe" und "rote" Luftalarme aufgeteilt. Gelb bedeutet den Beschuss mit vereinzelten Drohnen. Rot dagegen einen Massenangriff mit Drohnen oder Raketenbeschuss. Bei "gelb" sind die Sicherheitsvorschriften nicht so streng wie bei "rot", wenn so gut wie alles sofort schließen muss. Die Zuschauer müssten zwar auch beim "gelben Luftalarm" umgehend in den Luftschutzkeller gebracht werden. Ähnlich wie punktuell im Basketball könnten die Spiele selbst allerdings weiterlaufen. Die Entscheidung hängt hier allerdings nicht nur von der ukrainischen Liga, sondern letztlich von der Sicherheitseinschätzung der jeweiligen lokalen Militärverwaltung ab.
Wie aktuell das ist, zeigt allerdings die Tatsache, dass 60 Prozent der von der Winterpause verbliebenen Spiele in den Regionen ausgetragen werden, in denen es statistisch betrachtet täglich mindestens sechs Stunden Luftalarm gibt. Daher wird im Hintergrund über die Idee diskutiert, all diese Partien kompakt tief in der Westukraine auszutragen – trotz der Tatsache, dass dort dafür nicht ausreichend Infrastruktur zur Verfügung steht. Dass im Westen immer mehr Spiele ausgetragen werden, ist sehr wohl ein unumkehrbarer Trend. Doch eine wirkliche Lösung ist dies auch nicht.
Denn auch in der Westukraine gibt es immer mehr Angriffe – und diese werden zudem unausweichlich mit der Zeit zunehmen. Gleich mehrere Faktoren sprechen dafür. Weil etwa Kiew vor allem mit neueren Jet-Drohnen beschossen wird, hat Russland eine große Anzahl von "klassischen", langsameren Drohnen, die es einsetzen kann. Außerdem ist es kriegstechnisch auch nur eine Frage der Zeit, bis auch Jet-Drohnen etwa Lwiw systematisch erreichen können. Ohnehin will Russland, das die ukrainische Energieinfrastruktur seit vier Jahren systematisch angreift, die beiden westlichen Atomkraftwerke Chmelnyzkyj und Riwne vom allgemeinen Stromnetz abschneiden. Außerdem ist die Westukraine für Moskau insofern von strategischer Bedeutung, weil über die westlichen Regionen die ausländischen Hilfen an die Ukraine verlaufen.
"Dann hat es keinen Sinn mehr"
Im Klartext: Solange der Krieg weitergeht, wird auch dort die Lage zunehmend schwieriger. Hinzu kommen zwei weitere Aspekte: Die Vereine sind natürlich sowieso daran interessiert, möglichst zu Hause zu spielen, wenn es überhaupt sicherheitstechnisch geht. So gut wie alle Vereine, die nicht Schachtar heißen, stehen zudem unter enormem wirtschaftlichen Druck. Die temporäre Umstationierung in die Westukraine könnte äußerst teuer ausfallen: Die Wohnungs- und Hotelpreise sind in diesen ohnehin übersiedelten Gebieten noch einmal explodiert, weil sich eine Ausreisewelle aus Kiew für den Winter abzeichnet, das der Kreml möglichst unbewohnbar machen will. Hinter vielen Klubs stehen dazu etwa Agrarbetriebe, die durch die Blockade des Handels im Schwarzen Meer kaum etwas noch ins Ausland ausführen können. Dazu kommt die gezielte russische Luftkampagne gegen die ukrainische Wirtschaft.
"Ich sehe keine andere Möglichkeit als weiter von Tag zu Tag zu schauen, wie es weitergeht", urteilt "Tribuna"-Chefredakteur Schtscherbakow. "Strategisch kann man die Liga nur ins Ausland verlegen, aber dann kann man diese ehrlicherweise gleich zumachen, dann hat es keinen Sinn mehr." Bis dahin gilt es, die Restnormalität so weit es geht aufzubewahren – wie bereits seit 2022 schon. Auch für Schachtar Donezk bedeutet das: Nach der Champions League an der Stamford Bridge wartet immer irgendwann wieder das Hirnik-Stadium im östlichen Krywyj Rih, 55 Kilometer von der Front entfernt.




