Selbst Millionen reichen nicht Mercedes 300 SLS O'Shea - ein Unikat stellt sich in den Wind
Von Patrick Broich, Wangels
Mercedes hat sich bei seiner letzten großen Klassiker-Präsentation etwas Besonderes einfallen lassen: Zum SLR Stirling Moss gesellten die Schwaben auch noch den 300 SLS O'Shea. ntv.de hat die verrückte Renn-Replika ohne Dach gefahren.
Zum Glück scheint heute mal die Sonne im hohen deutschen Norden, wo Mercedes ein kleines Klassikertreffen organisiert hat. Dieser Umstand ist heute noch wichtiger als sonst. Und auch die Temperaturen sind nicht allzu streng, gut so. Denn das zu fahrende Objekt hat kein Dach und keine reguläre Windschutzscheibe. Stattdessen sitzt bloß ein kleiner Plexiglas-Fetzen über dem Cockpit.
Aber noch wilder ist eigentlich die Kombination aus Mercedes W198 und kompletter Dachlosigkeit - denn diese Konstellation hat den Sprung in die Serie nie geschafft. Es handelt sich dabei um eine "ausgeräumte" Variante mit extremem Fokus auf Gewichtsreduktion, einst gebaut für Rennfahrer Paul O'Shea - so hatte er einst die US-amerikanische Sportwagenmeisterschaft gewonnen.
Zwei dieser Leichtbau-SL baute Mercedes unter der technischen Ägide Rudolf Uhlenhauts. Und nachdem diese originalen SLS im Laufe der Jahre verschollen waren, rekonstruierte der Konzern ein Exemplar gemäß technischer Dokumentation - und zwar maximal authentisch. Man könnte ketzerisch-ironisch sagen, wenn der 300 SL genau richtig ist für Herrenfahrer, kommt der Sportfahrer beim 300 SLS auf seine Kosten. Übrigens war es eben dieser 300 SLS, der als historische Vorlage für den 2010 eingeführten SLS AMG der Baureihe 197 diente - inzwischen ebenfalls ein gesuchter Klassiker, wenngleich von ganz anderem Kaliber als die 1950er-Jahre-Ausführung.
Und der olle Dreihunderter ist ein Launeauto par excellence. Also reingequetscht in die Umgebung aus Bakelit, Instrumenten wie Metall und vor allem in die leichten Sportschalen. Hier rächt sich jedes Pfund zu viel in Form späterer Druckstellen. Und das riesige Holzlenkrad kollidiert selbst mit den Knien kürzer gebauter Menschen.
Aber egal, die Gelegenheit bekommt man nicht so oft, mit diesem Unikat eine Runde zu drehen. Nach Sekundenbruchteilen erblickt das Auge die Tachoskala bis 270 km/h - ältere Autofans wissen sofort, welche Bedeutung das hat in einer Zeit, da die meisten Autos kämpfen mussten, um überhaupt 120 Sachen zu erreichen. Und dann den scharfgemachten M198-Sechsender zum Leben erwachen lassen, dessen Level mit seiner Direkteinspritzung in dieser Zeit Raketentechnologie gleichkam. Der Dreiliter-Reihensechser läuft schon roh-ungehobelt - aber auf die sehnsuchtsvolle Art. Uhlenhauts Experten haben natürlich ein bisschen an der Leistung geschraubt. Heute ein Witz, aber 20 PS plus (235 statt 215) waren damals immerhin eine knappe VW-Käfer-Einheit.
300 SLS ist recht einfach fahrbar und macht Spaß
Worauf jetzt noch warten, los gehts! Eigentlich fährt der 300 SLS konventionell. Nicht einmal das Getriebe zickt, fast ein bisschen schade. Denn man fühlt sich manchmal besser, wenn der Eindruck entsteht, schwierig zu handhabende Fahrmaschinen beherrschen zu können. Challenge bestanden sozusagen. Der erste Gang rastet klackend, aber fast leichtgängig. Das Kupplungspedal geht stramm, aber nicht absurd schwergängig.
Den Dreiliter muss man natürlich auf Drehzahl halten, damit es vorangeht. Bei 3000 Umdrehungen weht noch ein vergleichsweise laues Lüftchen, ab 4000 wird es schon ernster. Komm, gib ihm noch ein bisschen, der rote Bereich geht schließlich erst bei 6000 Touren los. Ab 5000 klingt der 300 SLS nicht nur traumhaft, das Leichtgewicht von nur etwa einer Tonne Masse marschiert auch noch druckvoll.
Wichtig noch hierbei wäre zu wissen: Unsinn machen in Kurven sollte man mit dem betagten Klassiker nicht, wenn nicht jede Lenkradbewegung sitzt. Das wäre querdynamisches Harakiri.
Während schon der Serien-W198 ein Grinsen aufs Gesicht zaubert, sorgt der O'Shea für ein Dauer-Launehoch. Sein Aluminium-Aggregat hängt irre gut am Gas, dreht spielerisch hoch und hat erwartungsgemäß nicht viel zu tun mit der leichten Karosse (ebenfalls Aluminium). Wer ihn allerdings für die heimische Garage favorisiert - daraus wird nichts. Diese Werksreplika gehört zum Mercedes-Inventar und wird nicht verkauft, selbst Millionen würden nicht reichen.
Wer sich für den Mercedes W198 interessiert, erhält eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Selbst ein nicht so begehrter Roadster (der Flügeltürer hat den Legendenstatus) ist eine luftige Fahrmaschine mit reichlich Hightech an Bord, für die 50er Jahre sowieso. Und der Sportwagen ist selbst für Laien fahrerisch wunderbar beherrschbar. Die schlechte: Auch wenn die Preise Achterbahn gefahren sind - für ein gutes Roadster-Exemplar müssen Interessenten um eine Million Euro herum einplanen. Gut, dass der 300 SLS O'Shea sowieso nicht infrage kommt, dann muss man sich erst gar nicht verlieben, wenngleich man gerne würde.