Bericht belastet DemokratinDer Fall Dan Sullivan in Alaska ist größer als geahnt

Im US-Bundesstaat Alaska tauchen im August auf dem Stimmzettel für die Vorwahlen zu den Midterms plötzlich zwei "Dan Sullivans" auf. Während Donald Trump von Verschwörungen der Demokraten spricht und dafür belächelt wird, offenbart sich nun: Dahinter steckt viel mehr Wahrheit, als zuvor angenommen.
Bei den Vorwahlen zu den Midterms kommt es im US-Bundesstaat Alaska zu einem Kuriosum. Während ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Amtsinhaber, dem Republikaner Dan S. Sullivan und der Demokratin Mary Peltola erwartet wird, tauchen auf dem Stimmzettel plötzlich zwei Dan Sullivans auf. Denn kurz vor der Wahl reicht ein anderer Mann seine Unterlagen ein: Dan J. Sullivan, ein 69 Jahre alter, pensionierter Grundschullehrer. Er erhält knapp zwei Prozent der Stimmen und zieht am Ende als einer der vier Top-Platzierten in die Hauptwahl ein – neben den beiden Spitzenkandidaten Peltola und Dan S. Sullivan.
Während viele Medien von einer lustigen Wahlgeschichte bezüglich der Namensgleichheit berichten, sieht US-Präsident Donald Trump das deutlich anders. Er wütet auf seiner Plattform Truth Social, dass es sich um eine gezielte Täuschung von den Demokraten handeln würde. Diese hätten den zweiten Dan Sullivan angeworben, um die Wähler bei der Stimmabgabe zu verwirren und dem "originalen" Sullivan Stimmen zu entziehen. Der US-Präsident wird für diese Theorie größtenteils belächelt.
Doch eine Recherche der "New York Times" (NYT) ergibt nun, dass er damit anscheinend teilweise recht hatte. Demzufolge sollen Mitarbeiter der demokratischen Kandidatin Mary Peltola in Alaska tatsächlich gezielt Menschen mit dem gleichen Namen wie dem des Amtsinhabers rekrutiert haben. Die 53-Jährige selbst soll davon gewusst haben, jedoch nicht unmittelbar beteiligt gewesen sein.
Die Zeitung hat eigenen Angaben zufolge zwei Monate lang intensiv recherchiert. Neben zahlreichen Insidern war eine der Hauptquellen Elisa Rios, die frühere Kampagnenmanagerin von Mary Peltola. Rios wurde im August entlassen und sprach wenig später mit der NYT. Kurz vor dem Erscheinen des Artikels zog sie ihre Aussagen plötzlich zurück. Die Zeitung entschied sich dennoch dafür, diese zu veröffentlichen.
Der Lehrer aus dem Fischerdorf
Schon 2025 sei das geheime Projekt zur Wahlmanipulation gestartet, hieß es in dem Bericht. Das Ziel: konservative und unentschlossene Wähler vom republikanischen Senator Dan S. Sullivan abzuziehen. Demzufolge sollen Führungskräfte von Peltolas Kampagne Mitarbeiter angewiesen haben, in Wählerverzeichnissen nach Personen mit dem Namen "Dan Sullivan" zu suchen und diese zu kontaktieren.
So sollen sie auch auf Dan J. Sullivan aus dem abgeschiedenen Fischerdorf Petersburg gestoßen sein. Er habe sich daraufhin bereiterklärt, die Demokratin zu unterstützen. Das geht aus mehreren Textnachrichten und Dokumenten hervor, welche der NYT vorliegen. Der 69-Jährige soll gesagt haben, dass er zwar kein Politiker werden wolle, aber alles tun würde, um Peltola zu helfen, "weil er Trump hasse".
Brisant sind diese neuen Details auch daher, weil der Lehrer in einem Interview mit der "New York Times" im August noch angab, aus vollkommen freien Stücken angetreten zu sein. Er stellte sich zunächst als moderaten Republikaner dar und änderte erst später seinen offiziellen Status kurzfristig zu "unparteiisch". Dan J. Sullivan äußerte sich auf eine erneute Anfrage der NYT nicht. Seine öffentlichen Profile sind mittlerweile offline.
Das Team hinter Peltolas Kampagne wies den aktuellen Bericht entschieden zurück. Es habe keinerlei Versuche gegeben, gezielt Sullivans oder jegliche andere republikanischen Kandidaten anzuwerben, hieß es. Bei der Vorwahl am 18. August erhielt die Demokratin Peltola 49,5 Prozent, der Spitzenkandidat der Republikaner Dan S. Sullivan rund 41 Prozent der Stimmen.
Wie wichtig die Wahlen sind
Für Donald Trump, der derzeit auf einem Umfragetief sitzt, sind die Midterms nicht nur ein wichtiges politisches Stimmungsbild: Ein Drittel der Senatssitze, das zentrale Machtzentrum im US-Wahlsystem, wird neu vergeben. Die Senatorinnen und Senatoren bestätigen Richterinnen und Richter und können Gesetze blockieren. Mit einer Senatsmehrheit ist Trumps Handlungsspielraum deutlich größer. Bislang sind die Republikaner zwar stärker vertreten als die Demokraten, aber das könnte sich bei den Wahlen im November ändern.
Jeder US-Bundesstaat stellt zwei Senatoren, unabhängig von seiner Größe. Im konservativen Alaska wird einer der beiden Senatorensitze neu vergeben. Der andere ist mit der Republikanerin Lisa Murkowski besetzt, er wird erst 2028 neu gewählt. Damit die Demokraten zumindest den zweiten Sitz für sich gewinnen, soll das angebliche Peltola-Projekt monatelang intensiven Aufwand betrieben haben.
Auf ein Bier zum Wahlkampf
Laut NYT soll der demokratische Wahlkampfberater Jerid Kurtz unter dem Pseudonym "Zane" durch Alaska gereist sein. Er habe potenzielle Kandidaten in Kneipen und Lokalen auf ein Bier getroffen, um sie für eine Aufstellung zu motivieren. Dabei habe er ihnen auch angeblich externe Wahlkampfgelder versprochen. Gleichzeitig soll Kurtz dafür verantwortlich sein, dass der Viertplatzierte der Vorwahl, ein Demokrat namens David Leslie, seine Kandidatur zurückzog, um Peltola nicht weiter zu gefährden. Dafür rückte der Nächste auf der Liste nach: der Republikaner Gerald Heikes.
Heikes, ein Handwerker, berichtete im Gespräch mit der NYT, dass er im Frühjahr von einem Mann angesprochen wurde, ob er nicht kandidieren wolle. Ihm soll dabei zwar kein Geld angeboten worden sein, aber man habe ihm versprochen, dass er alle nötige Hilfe erhalten werde. Der Handwerker beschloss anzutreten. Er nannte der Zeitung noch einen weiteren Grund: Gott habe ihn zu einer Kandidatur bewogen.
Um die konservativen Stimmen noch weiter zu zersplittern, soll das demokratische Team sogar eine Wahlwerbung für Heikes geschaltet haben. Unterlagen, welche der NYT vorliegen, würden zeigen, dass Jim Lottsfeld, ein enger Berater von Peltola, diese Werbung bei einem Radiosender gebucht hatte.
Das Projekt sollte sogar noch einen Schritt weitergehen. Demzufolge wurde sogar die Gründung einer eigenen "MAGA-Partei" erwogen, um stramm Konservative auf den Stimmzettel zu setzen und noch weitere für Amtsinhaber Dan S. Sullivan gedachte Stimmen abzuziehen. Letztlich wurde das Vorhaben jedoch nicht umgesetzt.
Stimmen abziehen: kein neues Muster
Das System der Stimmräuber ist eine gängige Praxis beider Parteien. Zwei Jahre zuvor sollen die Republikaner in Alaska den inhaftierten Kandidaten Eric Hafner unterstützt haben, um Peltola Stimmen zu entziehen. Aufgedeckt wurde das durch mehrere Enthüllungsberichte. Hafner verbüßte zu jenem Zeitpunkt eine 20-jährige Haftstrafe in New York und hatte mit Alaska nichts am Hut. Dennoch trat er bei der Wahl 2024 für Alaskas einzigen Sitz im US-Repräsentantenhaus an. Die Republikaner sollen sogar gezielt Werbung für ihn geschaltet haben. Die Demokraten zogen damals gegen dieses Vorgehen - erfolglos - vor Gericht.
Rechtlich ist diese gesamte Methode ohnehin eine heikle Nummer. Das Anwerben jener Kandidaten kann legal sein, Täuschungsversuche könnten laut dem US-Wahlrechtsgesetz unter Umständen aber strafbar sein. Das nahmen die Republikaner zum Anlass, um Dan J. Sullivan noch im Juni aufgrund von "Irreführung der Wähler" durch die Wahlbehörde ausschließen zu lassen. Doch der Alaska Supreme Court kassierte den Entschluss damals ein. Der Staat dürfe nicht die privaten Motive eines Bürgers prüfen, hieß es. Dan J. Sullivan habe alle verfassungsmäßigen Kriterien für eine Aufstellung erfüllt.
Während sich Mary Peltolas Kampagne distanziert, bezeichnete Peltola selbst den NYT-Bericht als "Ablenkungsmanöver". Das berichtete das Magazin "The Hill". Trump ließ verlauten, Mary Peltola solle im Rennen um den Senatssitz zurücktreten. Der Republikaner Tom Cotton schrieb auf X, Peltola habe jegliche Wahlintegrität untergraben. Der republikanische US-Senator Ted Cruz sprach davon, Peltola habe lieber jeden einzelnen Dan Sullivan in Alaska gesucht, als sich für Gesetze im Kongress einzubringen.
Die 53-Jährige vertrat zwischen 2022 und 2025 Alaska im US-Repräsentantenhaus. Im Gegensatz zum Senat richten sich die Sitze im Repräsentantenhaus nach der Einwohnerzahl. Da Alaska mit rund 730.000 Bewohnern zu den bevölkerungsärmeren Bundesstaaten gehört, reicht es nur für einen Sitz in der Parlamentskammer. Peltola verlor die Repräsentantenhauswahl 2024 gegen den Republikaner Nick Begich III. Es war ein knappes Ergebnis, doch auch mit den Stimmen des damaligen kontrovers diskutierten Kandidaten Eric Hafner hätte Peltola die Wahl nicht gewinnen können. Begich erreichte 48,4 Prozent, Peltola 46,4 Prozent, Hafner lag bei knapp einem Prozent.
Wie es nun weitergeht
Bereits vor dem Bericht der "New York Times" hatte das US-Justizministerium auf Anweisung von Trump geklagt. Das Ziel: Falls der amtierende Senator Dan S. Sullivan am 3. November verliert, soll das Wahlergebnis in Alaska nicht offiziell bestätigt werden - vorausgesetzt, ihm fehlten genau jene Stimmen zum Sieg, die auf den Namensvetter Dan J. Sullivan entfielen. Hintergrund sei die angeblich bewusste Täuschung der Wählerinnen und Wähler durch die zwei fast identischen Namen auf der Liste.
Alaskas Gouverneur Mike Dunleavy ordnete darüber hinaus Untersuchungen aufgrund von angeblicher Wahlmanipulation an. Dunleavy schrieb auf X: "Die Einwohner Alaskas haben das Grundrecht, für den Kandidaten zu stimmen, den sie tatsächlich unterstützen wollen." Ein User antwortete: "Vielleicht hilft es ja, wenn man Bilder auf den Stimmzettel druckt."
Übrigens: Auch ein dritter Dan Sullivan mischte bei der Vorwahl mit. Der ehemalige Bürgermeister von Anchorage, Dan A. Sullivan. Er bezeichnete sich öffentlich als den "OG Dan Sullivan", also als das Original, da er mit seinen 75 Jahren älter als der 61-jährige Senator und der 69 Jahre alte Lehrer war. Der Namensvetter rührte die Werbetrommel für den "echten" Senator Dan S. Sullivan und bezeichnete ihn als gute Wahl für den Bundesstaat.

