HessenWild, Honig und Wein: Hessens Städte setzen auf Regionales

Wildschwein aus dem Frankfurter Stadtwald, Honig von Kassels Dächern und ein Weinberg mit Skyline-Blick: Welche lokalen und regionalen Erzeugnisse es in Hessen Städte gibt - und was dahintersteckt.
Frankfurt/Kassel/Darmstadt (dpa/lhe) - Wein vom Frankfurter Weinberg, Stifte aus Darmstädter Platanenholz, Mehl aus dem Marburger Hinterland: In Hessens Städten gibt es erstaunliche lokale und regionale Produkte. Der Handelsverband Hessen sieht das Angebot grundsätzlich positiv. "Regionale Produkte verbinden wirtschaftliche Wertschöpfung mit regionaler Identität", sagt Hauptgeschäftsführer Sven Rohde. Eine kleine Auswahl:
Wild aus dem Frankfurter Stadtwald
Fleisch und Wurstprodukte von Damhirsch, Wildschwein und Reh gibt es im Waldladen der Stadt Frankfurt zu kaufen. Diese stammten von Tieren aus dem Stadtwald, frei von verfütterten Hormonen oder Medikamenten, heißt es. Und: "Die regelmäßige Ausübung der Jagd wirkt sich regulierend auf den Wildbestand aus, der ursprünglich durch Raubtiere wie Luchs, Bär und Wolf begrenzt wurde."
Laut der Stadt wird das erlegte Tier umgehend in eine Wildkammer transportiert, dort gekühlt und nach der Reifezeit des Fleisches durch einen Metzger fachgerecht zerlegt. Neben Fleisch und Wurst hat der Waldladen noch weitere Naturprodukte wie Marmelade und Honig im Angebot - sowie Brettchen aus Ahornholz aus dem Stadtwald.
Die Waldungen im Süden der Frankfurter Gemarkung befinden sich übrigens seit 1372 im Besitz der Stadt. Den Angaben zufolge kamen später noch rund 1.000 Hektar aus dem Hohemarkwald im Taunus dazu. Diese Flächen bilden heute zusammen den rund 6.000 Hektar großen Stadtwald.
Honig von den Dächern Kassels
Ob im Glas, als Bonbon oder Likör: In Kassel ist der Stadthonig ein beliebtes lokales Naturprodukt. Die Bienen von Stadtimker Victor Hernández sind auf Kassels Dächern zu Hause. Die Bienenvölker stehen unter anderem auf dem Dach eines Mehrfamilienhauses in der Nordstadt, des Schlosshotels Wilhelmshöhe, des Unternehmens K+S sowie der Einkaufscenter Kurfürsten Galerie und Königsgalerie in der Kasseler Innenstadt. Von dort schwärmen die Bienen aus, um in den verschiedenen Vierteln Blütennektar für den Honig zu sammeln.
Neben verschiedenen Honigsorten produziert der Stadtimker unter anderem auch Honig-Seife und -Lippenpflegestift, Honig-Bonbons und einen Stadthonig-Whisky-Likör. In Kooperation mit der Landfleischerei Katharina Koch aus Calden im Landkreis Kassel gibt es zudem die Honig-Runde - die traditionelle Ahle Wurst mit Kasseler Stadthonig verfeinert.
Mehl aus dem Marburger Hinterland
Marburg hat nicht nur eine sehenswerte Altstadt zu bieten: Wer will, kann auch ein Stück "Marburg to go" nach Hause mitnehmen. Nach Angaben des Tourismusbüros gibt es in der Anlaufstelle in der Wettergasse in der Oberstadt neben klassischen Souvenirs wie Postkarten und Kalender auch allerlei Artikel aus der Region zu kaufen. Dazu gehörten beispielsweise Marmeladen, Honig, Öle, Holzprodukte, Filzschuhe sowie nachhaltiges Mehl aus einer Getreidemühle aus dem Marburger Hinterland.
Das Sortiment lege seinen Schwerpunkt auf handwerkliche Produkte der Region, teilt die Stadt mit. Erzeugern eröffne dies die Möglichkeit, ihre Artikel direkt an Besucherinnen und Besucher und auch an Einheimische zu vertreiben.
Stifte aus Darmstädter Platanenholz
Wein von Winzern der Bergstraße und andere Produkte gibt es indes im Darmstadt Shop im Rathausfoyer der Wissenschaftsstadt. Und als besonderes Angebot: handgefertigte Schreibgeräte aus dem Holz der Platanen auf der Mathildenhöhe.
Als dort einige Platanen gefällt und durch neue Bäume ersetzt werden mussten, wurde ein Teil des Holzes für die Schreibgeräte verwendet, wie eine Mitarbeiterin des Shops erklärt.
Weinberg mit Blick auf die Skyline in Frankfurt
Ein Weinberg im Stadtgebiet - das können eher wenige Großstädte aufweisen. Im Frankfurter Stadtteil Seckbach gibt es den Lohrberg. "Seit 1803 befindet sich dieser Weinberg im Besitz der Stadt Frankfurt, als zur Zeit Napoleons der Winzerbetrieb mit allen Gebieten und Wirtschaftshäusern säkularisiert wurde", heißt es bei der Stadt. Der größte Teil des insgesamt 25 Hektar umfassenden städtischen Weinguts liege jedoch in Hochheim am Mainufer.
Seit rund 30 Jahren wird der Weinanbau von einem privaten Pächter betrieben - seit diesem Jahr von Winzer Fabian Schmidt, der sich bei der letzten Ausschreibung durchsetzen konnte. "Für mich ist das ein riesiges Abenteuer", sagt er. Einen städtischen Weinberg gebe es ja nicht so oft. Es sei sehr schön, dort zu arbeiten - mitten im Grünen mit Blick auf die Skyline.
Schmidt betreibt bereits ein anderes Weingut in Hochheim. Gekauft werde der Frankfurter Wein aus ganz unterschiedlichen Gründen, erklärt der Experte. Da seien etwa die Weingenießer, die die Qualität schätzten. Dann gebe es Einheimische, die den Wein kauften, "weil sie sich mit ihrer Stadt verbunden fühlen". Auch funktioniere der Wein als Geschenk oder als Touristen-Souvenir.
Verband: "Blick auf Potenziale vor der eigenen Haustür richten"
"Gerade in unsicheren Zeiten müssen wir den Blick stärker auf die Potenziale vor der eigenen Haustür richten", sagt Rohde vom Handelsverband. Entscheidend seien Transparenz bei der Herkunft und die Qualität der Produkte.
Verbraucherinnen und Verbraucher interessierten sich zunehmend dafür, woher Produkte kämen, unter welchen Bedingungen sie hergestellt würden und welcher Mehrwert in der eigenen Region entstehe. Dabei gehe es nicht nur um Lebensmittel: Auch regionale Handwerksprodukte sowie Design- und Kulturerzeugnisse könnten zur Profilbildung eines Ortes beitragen.