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Niedersachsen & Bremen"Kindern mehr zutrauen" - Wie eine Kita Inklusion fördert

06.11.2026, 07:06 Uhr
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(Foto: Stefan Rampfel/dpa)

Keine Gruppenräume, keine festen Essenszeiten, barfuß im Garten - drei Göttinger Kitas setzen auf ein neues Konzept. Das von Eltern erwartete Chaos sei ausgeblieben, heißt es.

Hann. Münden (dpa/lni) - Beim gemeinsamen Klötzchen-Stapeln und beim Toben im Matsch sollen Einschränkungen, der soziale Hintergrund oder die Herkunft keine Rolle spielen. Kitas in Deutschland sollen für jedes Kind offen sein, das sagt nicht zuletzt das Gesetz. Und doch: "Im Bildungsalltag wird noch oft zwischen Regelkindern und Kindern mit einem erhöhten Förderbedarf unterschieden", kritisiert Kindheitspädagoge Michael Lichtblau von der Ostfalia Hochschule in Wolfenbüttel. Wie geht es besser?

Geht es nach Lichtblau, dann in etwa so wie in drei Kitas im Landkreis Göttingen. Fast vier Jahre hat der Professor mit seinem Team die drei Einrichtungen in Jühnde, Osterode am Harz und Hann. Münden im Rahmen des Projekts "Inklusive Kita für alle" (Inka) begleitet und bei Anpassungen von Abläufen im Kita-Alltag beraten. Gefunden haben sie "ein Stück weit ein Allheilmittel", wie es der Wissenschaftler beschreibt. Schrittweise solle das nun auf weitere Kitas im Landkreis Göttingen ausgeweitet werden.

Die eigentliche Revolution: das Auflösen klassischer Kita-Gruppen. Die Leiterin der evangelischen Kita Sankt Aegidius, Kathrin Berg, erklärt: "Statt einem kleinen Teppich zum Spielen mit Bauklötzen in jeder Gruppe haben wir nun einen großen Bauraum mit viel Platz für die Kinder." Kurzum: Aus Bären- oder Mäusegruppen wurden in Hann. Münden und den anderen zwei Kitas etwa ein Labor oder ein Atelier.

"Kinder stoßen seltener an Grenzen"

Und was wird dadurch konkret besser? "Kinder stoßen seltener an Grenzen, wie die verschlossene Tür eines Gruppenraumes. Verhaltensauffällige Kinder werden dadurch beispielsweise ruhiger", erklärt Inklusionsfachkraft Cordula Wolfram. Das sei bei Kindern festzustellen, die von anderen Kitas herwechseln. Derzeit gebe es in der Kita vier Integrations-Kinder, die zusätzliche Förderung und Therapiestunden erhalten.

Durch das Konzept seien die Kinder in ihrer Tagesgestaltung freier und sollten viel selbst entdecken. Wer sich morgens entscheide in den Garten zu gehen, könne sich später noch umentscheiden.

Neben dem offenen Konzept gebe es in Hann. Münden auch viele kleinere Veränderungen. Beim Basteln etwa werde weniger mit Schablonen und Vorlagen gearbeitet, um die Kreativität zu fördern und Frustration durch vermeintliche Misserfolge zu vermeiden. Der Speiseplan habe jetzt Fotos und werde auf Knopfdruck vorgelesen. Das helfe Kindern mit Leseproblemen, sagt Kita-Leiterin Berg.

Kinderrestaurant statt feste Essenszeiten

Ohne die Gruppenräume brauchte es auch Veränderungen beim Essensablauf. Neu ist ein Kinderrestaurant mit festen Öffnungszeiten. Wann die Kinder dort essen gehen, können sie selbst entscheiden, sagt Berg. Wer etwa spät gefrühstückt hat, kommt später. Wer mit dem Essen fertig sei, müsse nicht mehr warten bis alle anderen Kinder aufgegessen haben.

"Wir wollen den Kindern mehr zutrauen und auch vertrauen", sagt Berg. "Für Kinder ist es wichtig, eigene Entscheidungen zu treffen." Gleichzeitig gebe die Kita weiter einen Rahmen vor. So sei geregelt, wo Kinder im Garten mit Spiel- oder Tretautos fahren dürfen. Die einzelnen Themenräume hätten eine Höchstanzahl an Kindern, die dort gleichzeitig sein dürfen. Statt mehr Gewusel sei es in den Räumen durch die Umstellung eher ruhiger geworden, berichtet Berg. Kinder seien ruhiger, wenn sie sich mit Dingen beschäftigen, an denen sie in dem Moment ein Interesse hätten.

Video-Analyse des Kita-Alltags

Viele Eltern seien zunächst skeptisch gewesen, sagt Berg. "Aber die wissenschaftliche Unterstützung hat uns Rückendeckung gegeben. Zudem hatten wir im Team eine große Bereitschaft für Veränderung." Das habe die Erzieherinnen und Erzieher ermutigt, viel auszuprobieren. Mit der Analyse von Fünf-Minuten-Sequenzen aus dem Kita-Alltag und durch Rückmeldungen der Forscher hätten sie immer wieder Entscheidungen reflektiert. Inklusionsfachkraft Wolfram sagt: "Vor allem der Blick von außen durch die Forscher war sehr hilfreich, beim Entwickeln neuer Ansätze."

Während der Projektphase stellten die Erzieher etwa fest, dass es durch die fehlenden Gruppen, schwieriger wurde, alle Kinder und ihre Entwicklung im Blick zu behalten. Die Lösung: Ein wöchentliches Treffen, bei dem über jedes Kind gesprochen wird. "Damit ist es jetzt sogar besser als zuvor, denn wir haben mehrere Menschen, die ein Kind beobachten und unterschiedliches feststellen", sagte Kita-Leiterin Berg. Auch würden die Kinder und ihre Wünsche und Meinungen stärker gehört und wahrgenommen als vor dem Projekt. Forscher Lichtblau sagt dazu: "Kinder werden häufig zu wenig gefragt, dabei wissen sie oft sehr gut, was sie benötigen."

Forscher: "Inklusion verbessert Bildung"

Das neue Konzept ist nicht die einzige Neuerung. Das Inka-Projekt brachte auch Geld, das beispielsweise für eine neue Netz-Schaukel genutzt wurde. Die könne anders als herkömmliche Schaukeln auch von Kindern mit Einschränkungen genutzt werden, sagt Berg. Auch die Stelle von Inklusionsfachkraft Wolfram wurde durch das Projekt ermöglicht.

Davon profitieren letztlich alle Kinder, ist sich Forscher Lichtblau sicher. Das habe nicht zuletzt der jüngste Pisa-Test gezeigt, bei dem Länder mit weit fortgeschrittener Inklusion gut abgeschnitten hätten. Der Forscher plädiert dafür, Hilfsmittel nicht einzeln für Kinder mit Förderbedarf anzuschaffen, sondern alle Kitas so auszustatten, dass sie jedes Kind aufnehmen können. "Es geht dabei nicht um Almosen oder darum Kinder durchzutragen - es geht um qualitativ hochwertige Bildung."

Quelle: dpa

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