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"Physikalisch erstaunlich"Teslas fliegendes Auto - Spielerei oder Durchbruch?

31.10.2026, 13:58 Uhr f1f9e10f-59b8-4f64-ad56-ccd495d23742Interview: Andrea Reidl
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Die Videos von der Präsentation des fliegenden Tesla erinnern an Actionfilm-Szenen. (Foto: via REUTERS)

Elon Musk lässt ein Auto fliegen und viele feiern das. Dahinter steckt auch die Lust an Geschwindigkeit, Rekorden und dem Übertrumpfen anderer. Der Mobilitätsforscher Stefan Gössling erklärt, warum solche Fantasien andere Menschen anziehen und wem technische Höchstleistungen tatsächlich etwas bringen.

Nach dem Cybertruck nun also ein fliegendes Auto. Vor wenigen Tagen hat Elon Musk den neuen Tesla Roadster Rocket vorgestellt - einen Sportwagen mit Drucklufttanks und Düsenantrieb. Bei der Präsentation vor Publikum fuhr das Auto zunächst eine steile Rampe hinauf und hing kurz kopfüber in der Luft. Dann löste es sich von der Rampe, drehte sich in einer halben Pirouette und landete nach wenigen Sekunden Flug auf seinen vier Rädern. Dicke weiße Dampfwolken machten die Inszenierung perfekt.

Die Videos erinnern an Szenen aus Marvel-Filmen wie "Iron Man" oder an "Zurück in die Zukunft". Musk überträgt Effekte aus Actionfilmen auf seinen Sportwagen und rückt damit eine alte Technik-Fantasie anscheinend in greifbare Nähe: das fliegende Auto. Das ist ein spektakulärer Marketing-Coup. Ob daraus jedoch jemals mehr wird als eine aufsehenerregende Vorführung, ist eine andere Frage. Denn das Autofahren oder den Straßenverkehr wird er damit nicht verändern.

Musk sieht das naturgemäß optimistischer. Seine Demonstration habe den Beweis erbracht, dass Autos in der Zukunft fliegen können. Viele seiner Anhänger und Tech-Enthusiasten feiern den Auftritt und den Innovationscharakter des fliegenden Autos in den sozialen Medien. Wissenschaftler betrachten die Videos deutlich nüchterner und fragen sofort kritisch nach: Wie funktioniert die Technik? Wie lange kann das Auto überhaupt in der Luft bleiben? Und welchen praktischen Nutzen hätte es?

Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme von der HTW Berlin, hat sich die technischen Angaben angesehen. In einem Beitrag auf LinkedIn schreibt er: "Die Drucklufttanks mit insgesamt 600 Liter belegen Beifahrersitz und Stauraum. Rein rechnerisch reicht das nur für wenige Sekunden Flugzeit." Auch der Informatik-Professor Yann LeCun kommt zu der skeptischen Einschätzung, das sei "nicht der Weg zu echten fliegenden Autos".

Für Quaschning ist die Vorführung deshalb vor allem ein teurer Marketing-Gag. Sein Fazit zum praktischen Nutzen fällt entsprechend knapp aus: "Praktische Relevanz und Nutzen für die Menschheit: null."

Stefan Gössling, Professor, Mobilitätsforscher und Autor des Buches "The Psychology of the Car: Automobile Admiration, Attachment, and Addiction" erklärt im Gespräch, warum wir Rekorde bewundern, wie Milliardäre ihre Visionen vermarkten und was dabei aus dem Blick gerät.

Herr Gössling, ist der Roadster Rocket eine technische Meisterleistung oder eher ein Marketing-Gag?

Stefan Gössling: Beides. Physikalisch ist es erstaunlich, dass ein vermutlich tonnenschweres Auto mithilfe von Ansaugung und Schub durch komprimierte Luft kurzzeitig an einer Decke haften oder fliegen kann. Allerdings ist auch klar: Die verfügbare Druckluft und ihre Komprimierbarkeit sind begrenzt - die Physik setzt dem Ganzen also klare Grenzen in Bezug auf Leistung und zurückgelegten Weg. Trotzdem ist der Vorführeffekt spektakulär, weil hier mehrere technische Höchstleistungen miteinander verbunden werden.

Was ist daran technisch so beeindruckend?

Das Haften an der Decke, die Drehung um die eigene Achse mit sanfter Landung, aber auch die extreme Beschleunigung von 0 auf 100 in weniger als einer Sekunde: Das sind neue technische Rekorde.

Spannend werden Innovationen jedoch erst, wenn sie sich im Alltag sinnvoll einsetzen lassen und einen echten Mehrwert schaffen. Bei vielen Erfindungen von Elon Musk ist die Umsetzung in den Alltag allerdings fraglich. Der Cybertruck etwa ist in Europa nicht zugelassen, weil seine scharfen Kanten und die starre Edelstahlkarosserie das Verletzungsrisiko für Fußgänger und Radfahrende deutlich erhöhen. Das gilt auch für die extreme Beschleunigung von Autos, wie der Roadster sie verspricht. Sie erhöht ebenfalls die Verkehrsrisiken.

Werden solche technischen Spielereien also zum Sicherheitsproblem für andere?

Es ist etwas zynisch, ja. Das sind Spielzeuge für eine kleine Elite, die potenziell problematisch für alle anderen sind.

In den sozialen Medien wird der Roadster hauptsächlich von Männern als technische Erfindung gefeiert. Musk bezeichnet es als Pilotenfahrzeug - ist das fliegende Auto auch eine Männerfantasie?

Ja, das lässt sich so sehen. Ich sehe aber drei weitere Aspekte. Erstens hat der Drang, sich selbst zu übertreffen und Grenzen zu sprengen, auch evolutionäre Wurzeln: Stärke und Schnelligkeit konnten einst entscheidende Vorteile fürs Überleben bringen.

Zweitens geht es um wirtschaftlichen Erfolg. Wer gefragte Technologien entwickelt, kann sich Wettbewerbsvorteile sichern und weltweit hohe Einnahmen erzielen. Technologischer Fortschritt ist deshalb auch ein wichtiger Motor wirtschaftlicher Entwicklung.

Drittens lieben Menschen Rekorde - in Technik, Sport und Kultur. 1889 war der Eiffelturm auf der Weltausstellung in Paris eine technische Sensation. Heute fiebern Menschen mit, wenn Taylor Swift neue Besucherrekorde aufstellt. Die Faszination, besser zu sein als andere und Grenzen zu überwinden, ist also vielschichtig und keineswegs neu.

Ist denn alles Fortschritt, was technisch möglich ist? Sollten wir nicht stärker nach dem gesellschaftlichen Nutzen einer Innovation fragen?

Das ist eine legitime Frage. Wir haben eine enorme Konzentration von Vermögen bei sehr wenigen Menschen. Die Organisation Oxfam hat errechnet, dass die reichsten 12 Menschen ein Vermögen besitzen, das dem der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung entspricht, also mehr als vier Milliarden Menschen. Das ist kaum vorstellbar.

Milliardäre können ihr Geld für ihre persönlichen Spielereien ausgeben - oder auch versuchen, mit Werbung Wahlen zu beeinflussen, so wie jetzt in den USA. In aller Regel verfolgen die Superreichen vorrangig ihre eigenen Interessen. Dabei könnten wir mit den vorhandenen Technologien und gezielten Investitionen sehr viel für den Klimaschutz und die Verkehrs- und Energiewende erreichen.

Wie ließe sich ihr Vermögen stärker für gesellschaftlich sinnvolle Projekte einsetzen?

Ein Weg wäre, die Superreichen stärker zu besteuern. Wir müssen uns grundsätzlich fragen, ob wir es uns als Gesellschaft leisten können, dass einzelne Menschen so unfassbar reich werden. Denn mit ihrem Vermögen kaufen sie sich zunehmend auch Macht: Sie finanzieren Politiker, kaufen Medien wie Twitter oder die "Washington Post" und beeinflussen damit, welche Themen und Technologien Aufmerksamkeit bekommen - und welche gesellschaftlich wichtigen Entwicklungen möglicherweise vernachlässigt werden.

2028 soll der Tesla-Roadster in drei Varianten gebaut werden. Ob die Serienmodelle kopfüber fahren können, bleibt abzuwarten. Wo liegen die Grenzen für Autohersteller - und wer setzt sie?

Manchmal sind es die rechtlichen Rahmenbedingungen. Der Cybertruck ist in Europa nicht regulär zugelassen. Für den Roadster Rocket dürfte eine Straßenzulassung ebenfalls schwierig werden. Zunächst müsste man also sehen, was tatsächlich auf den Markt kommt.

Bei Musk muss man vorsichtig sein: Viele seiner Ankündigungen wurden in der Vergangenheit nicht oder nicht vollständig eingelöst. Bei der Vorstellung des Cybertrucks 2019 war beispielsweise von einer Reichweite von 500 Meilen, also rund 800 Kilometern, die Rede.

Heute liegt die angegebene Reichweite beim Cybertruck bei gerade mal 250 bis 320 Meilen, das entspricht 400 bis 500 Kilometern.

Richtig. Trotzdem glauben Menschen weiterhin vieles von dem, was ihnen erzählt wird. Am Ende bekommen sie jedoch nicht unbedingt das, was ihnen versprochen wurde. 2016 hat Teslas seinen Kunden ein Softwarepaket für vollständiges autonomes Fahren versprochen. Dafür mussten Kunden zusätzlich 8000 Dollar (rund 7100 Euro) zahlen. Die vollständige Autonomie ohne menschliche Überwachung ist jedoch bis heute nicht in der versprochenen Form erreicht. Musk verdient also auch mit gut inszenierten Hypes, Schlagzeilen und Erwartungen Geld.

Welches Ziel verfolgt er damit?

Er erzeugt das Bild eines Visionärs, der alles umsetzen kann. Im Februar 2018 ließ Musk mit dem ersten Testflug der Falcon Heavy einen roten Tesla mit einer Astronautenpuppe ins All schießen. Das war eine spektakuläre, medienwirksame Inszenierung. Solche Bilder bleiben im Kopf und vermitteln vielen Menschen den Eindruck, dass ein Unternehmen alles erreichen kann. Das kann wiederum Investitionen und Aktienkäufe begünstigen. Aus dieser Perspektive kann es ökonomisch also durchaus sinnvoll sein, immer wieder große Ankündigungen zu machen.

Musk hat sich mit seinem politischen Engagement als Leiter von Doge in der Regierung von Donald Trump zuletzt viel Kritik eingehandelt. Geht es ihm jetzt auch darum, Teslas Image aufzupolieren?

Ganz sicher geht es auch darum, wieder positive Schlagzeilen zu erzeugen und die Aufmerksamkeit der Medien zurückzugewinnen. Und das ist ihm mit der aktuellen Ankündigung gelungen. Die ganze Welt redet über ihn. Ein besseres Marketing kann man sich kaum vorstellen.

Quelle: ntv.de

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