Kiews Beauftragter LubinezEr holt die Menschen aus der eingeschlossenen Stadt Oleschky
Von Denis Trubetskoy, Kiew
Eingeschlossen zwischen den Fronten harren Tausende Menschen in der Stadt Oleschky aus. Dass nun möglichst viele von ihnen während einer Waffenruhe ausreisen sollen, ist auch ein Verdienst von Dmytro Lubinez. Nun muss der Menschenrechtsbeauftragte noch möglichst viele Bewohner überzeugen.
Viel hat der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez seit seinem Amtsantritt im Sommer 2022 bereits erlebt. Neben Mitarbeitern des Militärgeheimdienstes HUR ist der aus dem besetzten Wolnowacha in der Region Donezk stammende 45-Jährige fast die einzige Person auf der ukrainischen Seite, die direkten Kontakt zu offiziellen Vertretern Russlands pflegt. Entsprechend groß ist seine Rolle bei so gut wie allen Prozessen, für die solcher Kontakt benötigt wird - von Gefangenenaustauschen bis hin zur Rückführung der nach Russland verschleppten Kinder.
Doch noch nie zuvor stand er medial derart im Rampenlicht wie in diesen Tagen. Seit Mai versuchte der Apparat von Lubinez, die humanitäre Situation im besetzten Ort Oleschky, gelegen auf der anderen Uferseite der ukrainisch-kontrollierten Großstadt Cherson, in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Die Stadt liegt faktisch direkt an der Front, die an diesem Abschnitt seit der erfolgreichen Offensive der Ukrainer im Herbst 2022 entlang des Flusses Dnipro verläuft. Entsprechend kritisch ist die humanitäre Lage so gut wie an allen Orten in der Gegend.
Was die Situation in Oleschky - wo noch immer bis zu 6000 Menschen ausharren, darunter 200 Kinder - noch einen Tick schwieriger macht, sind drei Faktoren. Nach der Zerstörung des Kachowka-Staudammes im Sommer 2023 wurde die Stadt vollständig überschwemmt. Zweitens gehört die Stadt Cherson zu den Hauptzielen der russischen Drohnenangriffe, was automatisch den Gegenbeschuss Richtung Oleschky verstärkt. Das wiederum verschlechterte die Versorgungssituation vor Ort durch den zunehmenden Drohnenkampf zusätzlich, zumal die russische Seite ohnehin wenig Rücksicht auf die verbliebenen Zivilisten nahm. Der nächstgelegene größere Ort auf dem russisch-besetzten Gebiet liegt zudem rund 20 Kilometer von Oleschky entfernt.
Lubinez reist nach Russland
Es wäre zwar übertrieben, zu sagen, dass Russland die Zivilisten gezielt an der Ausreise hinderte. Immerhin gelang jeweils Dutzenden von Menschen in den vergangenen Monaten die Ausreise. Ein großes Interesse an einer koordinierten Aktion hat Moskau jedoch nie gezeigt. Dabei war diese dringend notwendig. Ohne die Entminung der Straßen und ohne lokale Waffenruhe bliebe der Weg aus und nach Oleschky lebensgefährlich. Vor allem aber musste eine Vereinbarung her, um sowohl die Ausreise von Menschen mit eingeschränkter Mobilität zu ermöglichen als auch jenen, deren Dokumente infolge der Sprengung des Kachowka-Staudammes vernichtet wurden.
Der ukrainische Menschenrechtsbeuftragte Lubinez soll der Vereinbarung zufolge persönlich im russischen Anapa in der Region Krasnodar erscheinen, um den Transport der Oleschky-Bewohner, die Richtung Ukraine ausreisen wollen, zum belarussischen Homel zu begleiten. Von dort aus können die Menschen, die diesen Weg gewählt haben, entweder in die Ukraine zurückkehren oder nach Polen gehen. Die Menschen, die auf dem russisch-kontrollierten Gebiet bleiben wollen, werden zunächst nach Simferopol auf der seit 2014 besetzten Krim gebracht. Dass ein offizieller ukrainischer Vertreter persönlich in Russland erscheint, ist ein beispielloser Vorgang in diesem Krieg.
Weder in Kiew noch in den anderen europäischen Hauptstädten gibt man sich Illusionen hin: Diese lokale Waffenruhe wurde in der Form alleine im Kontext der US-Vermittlungsversuche vor den Zwischenwahlen am 3. November möglich. Zynisch formuliert: Es geht um ein billiges Wahlgeschenk an Donald Trump, welches Russland wenig bis gar nichts kostet und sogar PR-Vorteile bringt.
Ob in Oleschky Zivilisten leben oder nicht, dürfte dem Kreml egal sein. Dabei kann sich Moskau als besonders human inszenieren, während Russland noch im Laufe der Waffenruhe von Oleschky den Hauptbahnhof der Stadt Dnipro mit Drohnen attackiert. Bilder zeigen Dutzende von getöteten Zivilisten, deren Leichen auf den Bahnsteigen Dnipros liegen. Die Kämpfe in der Region dürften nach dem Ende der Waffenruhe eher zunehmen als umgekehrt. Und mit den Perspektiven einer langfristigen Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges hat der Vorgang sowieso nichts zu tun.
Angst vor dem Gehen, Angst vor dem Bleiben
Schaut man auf die Einzelschicksale der Menschen vor Ort, sieht es anders aus. Leider gehört es zur Gegebenheit dieses Krieges, dass selbst in schwer umkämpften Städten wie Oleschky ein Teil der Bevölkerung nicht weggehen mag - unabhängig von politischen Ansichten und egal, wie schlimm die Lage ist. Entsprechend ist es auch bei der laufenden Evakuierung nicht zu erwarten, dass der Großteil der Zivilisten die wohl letzte Möglichkeit nutzen wird, Oleschky zu verlassen - in welche Richtung auch immer.
Hier kommt der Apparat von Dmytro Lubinez ins Spiel, dessen Vertreter äußerst aktiv in den lokalen Chatgruppen unterwegs sind. Dort versuchen sie, verwirrte Menschen und Verwandte davon zu überzeugen, dass alles tatsächlich fix abgesprochen ist und dass sie diese Möglichkeit unbedingt nutzen müssen. Diese Überzeugungsarbeit ist nicht weniger aufwendig, als die Waffenruhe und das freie Geleit auszuhandeln. Denn die letzten Bewohner von Oleschky haben Angst. Angst, in abgelegene Regionen Russlands wie Sibirien deportiert zu werden. Andere fürchten, für den Kriegseisatz mobilisiert zu werden oder sich in der Ukraine wegen Kollaborationsvorwürfen verantworten zu müssen. Der internationale, oft widersprüchliche Informationsrausch um Oleschky befeuert diese Ängste zusätzlich.
Dabei sind die Personen, mit denen der 45-jährige Lubinez direkten Kontakt pflegen muss, alles andere als angenehm. Seit Mai 2026 hat er nicht mehr mit der für russische Verhältnisse gemäßigten Tatjana Moskalkowa als russischer Menschenrechtsbeauftragten zu tun, sondern mit ihrer Nachfolgerin Jana Lantratowa. Die Ernennung der 37-jährigen Kreml-Hardlinerin wurde in Kiew als politische Provokation aufgenommen, um jeglichen Fortschritt bei der humanitären Hilfe zu behindern. Denn eigentlich wollte die Ukraine mit Lantratowa gar nicht erst sprechen. In einem gut dokumentierten Fall war sie im August 2022 nämlich an der Entführung von zwei Kindern aus einem Chersoner Kinderheim persönlich beteiligt, die später vom Anführer einer russischen Parlamentspartei adoptiert wurden.
Wie man etwa über die Kinderrückführung mit einer solchen Person überhaupt sprechen kann, galt als offene Frage. Zumal es sich um einen sehr komplizierten Prozess handelt, bei dem die vielen Einzelschicksale oft sehr unterschiedlich gelagert sind. Bei den fast 20.000 deportierten Kindern handelt es sich sowohl um Kinder aus den in der Phase ab 2022 besetzten Gebieten oder aus den Regionen, die schon seit dem ursprünglichen Donbass-Krieg 2014 besetzt waren. Die Kinder können entweder keine Eltern mehr haben oder die Eltern können unterschiedlicher Auffassung sein, in welchem Land das Kind verbleiben soll. Ein zentrales Problem bleibt zudem, dass viele der betroffenen Kinder gar keine Dokumente haben.
Dmytro Lubinez hat die Strategie eines respektvollen Umgangs mit seiner Amtskollegin Lantratowa gewählt, die er bei den persönlichen Treffen, die vor allem an der belarussisch-ukrainischen Grenze stattfinden, stets "Jana Walerjewn" nennt. Dass der 45-Jährige ihr die Hand gibt, wird in der Ukraine öfter kritisiert. Doch das sorgt offenbar dafür, dass die Prozesse, die in dem ursprünglichen Lubinez-Moskalkowa-Format funktionierten, weiterlaufen. Das unterstreicht einerseits der jüngste Gefangenenaustausch 270 gegen 270 vor rund einer Woche, andererseits die Tatsache, dass Stand Herbst bereits mehr als 2500 deportierte Kinder in die Ukraine heimgeholt werden konnten.
Der persönliche Einsatz von Lubinez, eines bislang eher unbekannten, stillen Helden des russisch-ukrainischen Krieges, ist in beiden Fällen essenziell. Nun wird Lubinez, wie am Donnerstagnachmittag bekannt wird, auch persönlich nach Oleschky reisen. Mit wie vielen Ukrainern er zurückkommen wird? Niemand weiß es.
